- Zweihandwerfen -

Wurfstile, und worauf es ankommt!

Viel wurde und wird über die verschiedenen Wurfstile des Zweihandwerfens geschrieben. Unterschieden wird dabei grundsätzlich zwischen dem Andersson (Scandinavien Casting) Stil, dem traditionellen Spey Casting Stil und dem Skagit Casting Stil.

Aber worum geht es beim Zweihandwerfen eigentlich im Wesentlichen?

Lassen Sie mich im folgenden Bericht ein wenig Licht ins Dunkel  bringen:
Unabhängig vom Wurfstil ist es stets unser Hauptziel, unsere Fliegenschnur in angemessener Geschwindigkeit mit möglichst engen Schlaufen zu werfen, so dass unsere Fliege möglichst effizient im Ziel landet.

Ein fundamentales Prinzip des Fliegenwerfens lautet:

"Die Fliegenschnur folgt stets dem Beschleunigungsweg der Rutenspitze."

Der theoretisch optimale Beschleuningungsweg der Rutenspitze für das Werfen einer engen Schlaufe ist die gerade Linie. Tatsächlich erreichen selbst die besten Fliegenwurfexperten diese Gerade nur annähernd. Es gilt also, die Rutenspitze möglichst dicht entlang jener geraden Linie zu beschleunigen.

Der zweite sehr wichtige Faktor für die Beschleunigung ist - gerade beim Zweihandwerfen - die zur Schnurmenge und Situation passende Geschwindigkeit.
Doch wie erzielen wir nun die passende und geradlinig verlaufende Geschwindigkeit für unseren Spitzenring?

Ohne viel Worte - durch die Rotation der Rute!
Rotieren wir die Rute im Griffbereich (also unten) um 5cm, so bewegen wir dadurch unsere Rutenspitze über den "langen flexiblen Hebel" auf einem ganz erheblich längeren Weg. Dies zu verstehen, ist fundamental.

Noch einmal:

"Rotation macht die Geschwindigkeit!"



Aus diesem Grund ist es sehr sinnvoll, die Rute mit der unteren Hand (linke Hand beim Rechtshänder, sofern man die Rute rechts führt) ganz am Ende festzuhalten. Quasi direkt auf oder am "Fighting Butt". Hierzu nutzt man am besten nur den Daumen und den Zeigefinger. Man umfasst mit diesen zwei Fingern entsprechend den Griff!

Für die Beschleunigung der Rutenspitze rotieren wir somit die Rute von ganz unten heraus und nutzen so die volle Länge der Rute für die Erzeugung der passenden Geschwindigkeit aus. Wir laden die Rute von unten heraus, wenn Sie so wollen.

Ein paar Worte zu den unterschiedlichen Stilrichtungen des Zweihandwerfens:

Der bekannte schwedische Wurflehrer Göran Andersson (Andersson oder Scandinavien Casting Stil) umfasst seine Ruten bei der unteren (und oberen) Hand sehr signifikant (wie oben beschrieben) nur mit jeweils dem Daumen und dem Zeigefinger. Durch diese Griffhaltung ist es ihm optimal möglich, die Rute von ganz unten heraus aufzuladen (zu biegen).
Bei dieser Technik ist es sehr effizient, die Kraft für die Rotationsbeschleunigung primär über die untere Hand einzusetzen.
Göran Andersson selbst nutzt seine obere Hand primär in Richtung eines Drehpunktes* für die Rotation und für die Führung seiner Rute - besser seiner Rutenspitze. Göran fischt meistens Ruten zwischen 13 und 15 Fuss Länge in Kombination mit Schnurkeulen (Schussköpfen) zwischen 8 und 12 Metern Länge.

Der klassische (traditionelle) Spey Caster Michael Evans hingegen setzt seine Kraft für die Rotationsbeschleunigung seiner erheblich längeren Ruten (zwischen 15 und 18 Fuss) gleichmäßig über beide  Hände - also die obere und die untere Hand - ein. Michael Evans verwendet erheblich längere Schnurkeulen (über 20 Meter lang), die es mit entsprechend mehr Geschwindigkeit zu werfen gilt. Dies erfordert geradezu einen noch längeren "flexiblen Hebel" und entsprechend mehr Kraftaufwand für die Rotation! Deshalb umfasst Michael Evans seinen Rutengriff zumeist mit der jeweils ganzen Hand und nutzt zusätzlich eher etwas längere Griffe, welche mehr Platz zwischen den Händen erlauben, um hier durchaus auch einmal die Maximalkraft für die Rotation der Rute anwenden zu können.





Der bekannte Skagit Master Ed Ward ist wiederum jemand, der mit gerade einmal 6-9m kurzen Schnurkeulen (bzw. Köpfen) wirft. Hirfür verwendet Ed die meiste Zeit Ruten zwischen 11 und 13 Fuß Länge.
Im Gegensatz zum Scandinavien und auch zum traditionellem (Spey Casting) Stil verwendet Ed häufig (im Verhältnis zur eingesetzen Rute betrachtet) ein vergleichsweise deutlich höheres Wurfgewicht.
Also frei der Devise: Kurz und schwer!
Dies ermöglicht es Ed, trotz relativ leichter Ruten sehr gewichtige Fliegen erfolgreich über das zur Fliege passende Schnurgewicht zu werfen. Die Kraft setzt Ed ebenfalls hauptsächlich über die untere Hand ein!
Speziell beim Skagit Casting baut man den Wurf vielfach unter der Verwendung des sogenenanten "sustained anchors" (beständigem Ankers) auf.

Noch ein paar unterscheidende Worte zum Anker, also dem Teil der Schnur, welcher bei Unterhandwürfen bzw. Spey Casts (oder wie ich selbst gerne sage: D-loop Casts) auf dem Wasser aufsetzt.
Die kürzeren Schnurkeulen erlauben hier ein Timing, bei dem man den Anker schon durchaus einmal bis zu zwei Sekunden lang im beinahe Zeitlupentempo direkt auf der Wasseroberfläche optimal (um)positionieren kann. Man spricht hier auch von sogenannten "waterborn anchors" (also auf dem Wasser geborenen Ankern).
Speziell beim Scandinavien Stil hingegen wird der Anker zumeist bereits in der Luft - also "airborn" - möglichst gut in eine Linie mit dem Ziel positioniert, während beim traditionellen Spey Casting mit den sehr langen Schnurkeulen ebenfalls vielfach (aber nicht nur) mit "waterborn anchor casts" geworfen wird.

Unterm Strich geht es immer wieder um die passende Schnurgeschwindigkeit und eine enge Schlaufe...
In Abhängigkeit der jeweils typischen Situation am Fischwasser und des verwendeten Gerätes haben alle drei Experten ihre ganz eigene Wurftechnik gefunden, mit der sie jeweils ein optimales Ergebnis erzielen.
Die Wurfphysik ist natürlich dennoch für alle gleich, und so gibt es - wenig verwunderlich - sehr viele Parallelen in den jeweiligen Wurfabläufen.

Wenn Sie mich heute fragen, mit welcher Technik man die zügigsten Lernfortschritte macht, und mit welcher Technik man hingegen die größere Übung benötigt, um die Fliege ins Ziel zu bringen, so gilt für mich:

Je kürzer die Schnurkeule, desto unkritischer ist das Timing im Wurfablauf.
Hinzu kommt beim Skagit Casting, dass die erhöhte Schnurmasse durchaus Distanzwürfe begünstigt.
Dafür kann man wiederum die Fliege mit der langen Schnurkeule (traditionelles Spey Casting) deutlich zügiger in die potentielle Bisszone umpositioneren, ohne dabei zunächst viel Schussschnur einholen zu müssen. Beim Timing bleibt Ihnen allerdings nahezu kein Spielraum, und genau deswegen bedarf es einer erheblich besseren Schnurkontrolle bei der Verwendung von  sehr langen Schnurkeulen.

Zum Schluss diesen Berichtes möchte ich noch einige Worte zur Rute in der Betrachtung als "flexiblen Hebels" (also einen kleinen Exkurs in die tiefere Wurfphysik) anbringen:

Wir rotieren unsere Rute beim Fliegenwurf, wodurch wir sie biegen bzw. laden. Im Moment der maximalen Aufladung hat unsere Rutenspitze bereits ca. 80% der Endgeschwindigkeit erreicht.** Die letzten 20% erreichen wir über das Sich-gerade-stellen (Entspannen) unserer Rute.
Wir nutzen unsere Rute somit als ein Instrument, um möglichst effizient (bei einem guten Wirkungsgrad) Schnurgeschwindigkeit erzeugen zu können. Alle Kraft im Wurf stammt stets vom Werfer.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Wahl bei dem für ihre Situation optimal passenden Gerät und viele tolle Würfe an ihrem Fluss. Und wer weiß, vielleicht steigt am Ende sogar ein Lachs oder vielleicht eine Steelhead nach ihrer Fliege. Ich wünsche es Ihnen!

Herzlich Ihr und Euer
Bernd Ziesche

*Als echter Drehpunkt kann die obere Hand aus Sicht der Physik dennoch NICHT betrachtet werden, denn das Zentrum der Rotation liegt längst nicht im Bereich der oberen Hand (bei keinem Stil)!
**Mein Dank an Dr. Grunde Lövoll (Uni Oslo), der hier mit seinen Messungen viel Licht ins Dunkel brachte!

>>zurück
>>Home
>>Kontakt